Die digitale Rekonstruktion der Seesener Synagoge

Jacobstempel in Seesen

1. Werkstattbericht: Der berühmte Seesener Jacobstempel, die Synagoge der ehemaligen Jacobson-Schule in Seesen, wird 72 Jahre nach seiner Zerstörung in der Reichspogromnacht im Modell wieder anschaulich und begreifbar werden. Das für das Städtische Museum Seesen zu erstellende Modell wird von der Seesener Architektin und Designerin Sabine Stübig mit großer Akribie nach ihren Plänen derzeit in einer Weimarer Werkstatt in Holz nachgebaut.

Dieses Modell wird dann im Rahmen der mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), der Stiftung NordLB-Öffentliche und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung geförderten Projektes der Erweiterung und Neugestaltung der Dauerausstellungen im Städtischen Museum einen zentralen Platz in der Abteilung 'Israel Jacobson' finden.

Die Firma Modellwerk in Weimar, geleitet von Julia Missner und Lars Lämmerhirt, arbeitet in jener Stadt, die unter anderem für die berühmte Architektur-Schule 'Bauhaus' steht. Jetzt  präsentierte das namhafte Modellbauteam kurz vor der Endabnahme das fast fertige Objekt vor der Seesener Architektin, die deswegen nach Weimar gefahren war.
 
Zum ersten Male wird die Synagogenorgel, deren Frontkorpus Dr. Joachim Frassl maßgenau rekonstruierte, im Modell so dargestellt, wie sie vor nunmehr 200 Jahren in Seesen eingerichtet worden ist.

Eines mag man heute schon erwarten können: Das fertige Objekt wird die bisherigen Modelle des Seesener Tempels, wie sie im Jüdischen Museum in Berlin und im Deutschen Historischen Museum, ebenfalls Berlin, ausgestellt sind, an Präzision und historischer Richtigkeit übertreffen: Die Portale auf Nord- und Südseite zeigen sich jetzt als Synthese von klassizistischem Portalrahmen und jüdischer Tempel-Tür, so wie sie die Forschungsarbeiten der letzten zehn Jahre ans Licht geholt haben; der Westvorbau mit der Treppe zur Frauensynagoge wird sichtbar werden; der Orgelprospekt präsentiert sich in seinen üppigen Dimensionen auf der Empore gegenüber dem Allerheiligsten und schließlich sind neue Erkenntnisse zur Sitzordnung im Gottesdienstraum verwertet worden.

Sabine Stübig bekräftigt: „Unser Team hat zwischenzeitlich hunderte von Stunden investiert, um das beste Ergebnis liefern zu können. Projekte dieser Art sind selten und so sind wir dankbar dafür, es für die Stadt Seesen realisieren zu dürfen. Mit Herrn Dr. Frassl haben wir einen äußerst kompetenten Ansprechpartner, so dass wir bis in kleinste Details rekonstruieren können. Wenn man sich in die Thematik erst einmal eingearbeitet hat, lässt sie einen nicht wieder los - da sind sich Planer, Gestalter, Zeichner, Architekten und Modellbauer einig.“
 
Es ist weiterhin geplant, detailgetreue digitale Rekonstruktionen und Visualisierungen zu erstellen. Das ist eine Arbeit, für die ebenfalls Sabine Stübig und ihr Team zeichnen. Die Tempelarchitektur soll durch virtuelle Animationen wieder räumlich, farblich und atmosphärisch erlebbar gemacht werden. Auf  solch ein Ergebnis warten seit etwa zehn Jahren nicht nur die Braunschweiger Baugeschichtler der Forschungsstelle für Jüdische Architektur in Braunschweig, sondern auch internationale  jüdische Forschungsinstitute in Jerusalem und New York gespannt.

Für das Tempeljubiläum soll eine Festschrift herausgegeben werden, die nicht nur in einem Kompendium von historischen Quellentexten und Dokumentarbildern das Verlorene wieder erfahrbar macht: Verschiedene Autoren haben die neuesten Forschungsergebnisse aus historischer, religiöser, architektonischer und musikalischer Perspektive dafür erarbeitet und vorgelegt. Damit diese Präsentation in angemessener Form ediert werden kann, werden noch kurzfristig Sponsoren gesucht.
Weitere Werkstattberichte zum Jacobstempel sollen in loser Folge erscheinen.

Text © Dr. Joachim Frassl, Seesen, 2010

Bilder aus der Modellbauwerkstatt