Das Buch zum Tempeljubiläum:

Bildquelle: beobachter-online

Das Buch 'Der Jacobstempel' erscheint

Anlässlich des 200. Jahrestages der Einweihung des Seesener Jacobstempels gibt die Stadt Seesen eine Festschrift heraus, ein Buch, das die Bedeutung der Synagoge der Jacobson-Schule von verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven aus beleuchtet. Seit dem Jahr 2001, in dem das Jacobson-Gymnasium in einer Jubiläumswoche auf die eigene 200jährige Schulgeschichte zurück geblickt hatte, sind verschiedene Arbeiten dieses im 19. Jahrhundert einzigartigen jüdischen Instituts veröffentlicht worden, so zur Geschichte der Schule, zu ihrer pädagogischen Entwicklung, zu Israel Jacobson und zu den Auswirkungen seiner Reform, zur Rekonstruktion eines größtenteils zerstörten Architekturensembles, veröffentlicht in den Jahren 2001, 2003 und  2009).

Der neue Jubiläumsband „Der Jacobstempel – Die Synagoge der Jacobson-Schule in Seesen“ präsentiert weiterführende Arbeiten in einem breit gesteckten Themenkreis. Das Redaktionsteam (Rolf Ballof, Dr. Joachim Frassl, Thomas Gleicher und Dirk Stroschein) hat verschiedene Essays in dem Buch versammelt, die sowohl historisch, theologisch, musikgeschichtlich, architekturgeschichtlich und kunstwissenschaftlich sich dem Objekt „Jacobs-Tempel“ nähern. Entstanden ist so ein über 250-seitiges Kompendium zur Idee des Bauwerks, das sich auch mit der Entwicklung der jüdischen Liturgie und mit der ersten Synagogenorgel befasst. Neue Forschungsergebnisse erfassen neben Israel Jacobson weitere die Entwicklung bestimmenden Personen, so u. a. den christlichen Musiklehrer J. A. G. Heinroth und den Direktor der Jacobson-Schule, Immanuel Wohlwill.

„Reform – Hoffnung – Zerstörung – Rekonstruktion“ im Untertitel sind Programm dieses Buches: Die Idee der Rekonstruktion von Verlorenem ist eine nicht unwesentliche Perspektive. Diese „Rekonstruktion“ versucht einerseits, noch greifbare Text- und Bild-Quellen zusammenzuführen: Das wird durch einen großen Anhangteil geleistet, der historische Texte, wesentlich aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, präsentiert und durch zahlreiche historische Abbildungen ergänzt. Der Begriff  der „Rekonstruktion“ meint aber auch eine Auseinandersetzung bzw. Schaffung einer notwendigen „Erinnerungskultur“, wie sie Rolf Ballof in seinem Essay „Seesen – Ort der Erinnerung“ fordert. In einem weiteren Text befasst sich derselbe Autor mit der Gründungssituation der Schule: “Jacobson – Glaube und Vernunft und die bürgerliche Gesellschaft  - Eine Suche nach den Wurzeln“.

Dirk Stroschein liefert eine inhaltsreiche „Chronik des Jacobstempels“, die durch zeitgenössische Text-Zitate und zahlreiche Bilddokumente ergänzt werden. Zu dieser Chronik gehören auch Bilder der Geschehnisse im Zusammenhang mit der Zerstörung des jüdischen Tempels. Hierbei werden zum ersten Male auch neue Bildquellen „zitiert“, die den Zustand des Gotteshauses im Jahr vor seiner Zerstörung illustrieren.
 
Joachim Frassl zeigt anhand einer ikonografischen Untersuchung („Baldachine und Tempelbilder“) die Vor-Bilder für das gedankliche Verständnis des Jacobstempels, aber nicht nur für die Synagoge, sondern parallel auch für ein Verständnis der Seesener St. Andreas-Kirche.

Der Seesener Propst, Thomas Gleicher, stellt die „Bibeln der Jacobsonschule“ aus dem Archiv des Gymnasiums vor; Rolf Ballof liefert in seinem Aufsatz über die „Inschriften als Schlüssel zur Interpretation der Tempelgründung“ einen wichtigen Beitrag, der sich gegen eine pure Vereinnahmung des jüdischen Gotteshauses als assimiliertes Abbild der protestantischen (Nachbar-)Kirche wendet.

Der Text von Joachim Frassl „Die Musik im Jacobstempel – Ursprünge der Reform in Seesen“ versucht die Einweihungsfeier von 1810 zu rekonstruieren und diese in Bezug zur Entwicklung der chorischen Musik und Liturgie zu setzen, ehe er sich mit Fragen der ersten Synagogen-Orgel auseinandersetzt. Neu dabei, oder: seit dem 19. Jahrhundert erstmals wieder betont, verdeutlicht sich für den gesamten musikalischen Bereich und die Entwicklung der ersten jüdischen Gesangbücher die Rolle von J. A. G. Heinroth, dem christlichen Lehrer an der Jacobson-Schule. 

Der Historiker Arno Herzig befasst sich mit dem zweiten Direktor der Jacobsonschule, mit „Immanuel Wohlwill – Protagonist der jüdischen Reform und Akkulturation.“ Deutlich wird, welch bedeutende Rolle – nach Jacobson – Wohlwill für eine quasi „Neugründung“ der Schule nach dem Tode Schotts gespielt hat und was er auch für die neue „Ordnung“ (mit Gesang und Predigt) im Jacobstempel gespielt hat.

Die Kunst kommt schließlich in zwei Texten „zu Wort“: Joachim Frassl befasst sich mit „Synagogen-/Tempel-Interieurs in der Kunst“. Er nennt das „Ein paar kurze Notizen“. Der Autor setzt bei manieristischen Tempel-Visionen des 17. Jahrhunderts an, ehe er – wesentlich im 19. Jahrhundert – Synagogendarstellungen sowohl aus christlicher Sicht (Menzel, Spitzweg), als auch aus der Perspektive jüdischer Künstler (Oppenheim, Liebermann und Nussbaum) vergleicht. In einem Interview mit Claus Blume (Videokünstler, Filmemacher, Autor, Regisseur und Komponist, geboren in Seesen) geht es um eine „Störung des Alltags und des Alltäglichen“. Blume stellt in dieser Selbstauskunft zwei Laser-Projekte vor, Kunstwerke, die er anlässlich des Jubiläumsjahres für den Jacobson-Platz erdacht und virtuell konstruiert hat, des weiteren ein „Zeichen“-Environment für die Seesener Innenstadt. Auch ihm geht es im Rahmen von „Rekonstruktion“ um eine Kultur des Erinnerns.

Das Buch schließt endlich mit greifbaren Rekonstruktionen, welche die Seesener Designerin und Architektin Sabine Stübig entwickelt hat: Sie präsentiert Bilder des jüngst fertig gestellten Tempelmodells für das Seesener Museum und virtuelle Bilder zum Jacobstempel. Damit wird mehr als 70 Jahre Verlorenes, bzw. nie zuvor Fotografiertes (wieder) sichtbar. Über dieses „Projekt Jacobstempel“ ist im Internet noch mehr zu erfahren, und zwar unter: www.jacobstempel.de

Autoren

Rolf Ballof
geb. 1938, nach Abitur Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik, Tätigkeit als Lehrer und Leiter des Jacobson-Gymnasiums, Dozent für Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität Braunschweig, Moderator des Arbeitskreises deutsch-jüdische Geschichte im Geschichtslehrerverband Deutschland, Mitglied der LBI-Kommission für die Verbreitung deutsch-jüdischer Geschichte.

Claus Blume
Videokünstler, Filmemacher: u. a. „Eclipse“ (1984), „Kniespiel“ I-III (1988-1989), Salzburg Souvenir (2006), TV-Regisseur und Autor, Komponist, Performance- und Medienkünstler. 1979 Abitur am Jacobson-Gymnasium in Seesen, Studium der Freien Kunst  (Meisterschüler). 1994 wurde Claus Blume mit dem renommierten Marler Video-Kunst-Preis ausgezeichnet. Lebt in Bayern und Niedersachsen.

Joachim Frassl
Dr. phil., Oberstudienrat, geb. 1948, Abitur am Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig, Studium der Kunstpädagogik, Kunstgeschichte, Visuellen Kommunikation und Kunstwissenschaft, seit 1977 Lehrer am Jacobson-Gymnasium Seesen, Leiter des Jacobson-Archivs. Forschungen zur jüdischen Architektur (Ikonographie, Rekonstruktion).

Thomas Gleicher
ev.-luth. Theologe, seit 2003 Propst der Propstei Seesen, Buchautor und Journalist, verheiratet, drei Kinder.

Arno Herzig
geb. 1937, Prof. em. für Neuere Geschichte (Schwerpunkt Frühe Neuzeit), Publikationen zur deutsch-jüdischen Geschichte, zur Geschichte der Arbeiterbewegung und der Unterschichten sowie zur Geschichte des konfessionellen Zeitalters, Mitglied des Leo-Baeck-Arbeitskreises, Mitglied der LBI-Kommission für die Verbreitung deutsch-jüdischer Geschichte.

Dirk Stroschein
geb. 1973, freier Autor und Journalist, Abitur am Jacobson-Gymnasium Seesen, Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Politologie, Publizistik und Kommunikationswissenschaften (M.A.). Zeitgeschichtliche Buchpublikationen, Veröffentlichungen in Print- und Hörfunkmedien.

Sabine Stübig
Grafik-Designerin, Dipl.-Ing. (FH) Architektin, Europa-Architektin • geb. 1969 in Düsseldorf • Abitur 1988 am Jacobson-Gymnasium in Seesen • 1993 Abschluss des Grafik-Design-Studiums an der Kunstschule Alsterdamm in Hamburg • 1999 Abschluss des Architektur-Studiums an der FH Hildesheim/Holzminden • 2004 Abschluss als Europa-Architektin am Institut für Fortbildung Bau in Stuttgart • Mit ‚Stübig Architektur und Design’ in den Bereichen Architektur, visuelle Kommunikation und Gestaltung für klassische und moderne Medien aktiv.

Der Jacobstempel – Synagoge der Jacobson-Schule in Seesen
Reform – Hoffnung – Zerstörung – Rekonstruktion,
herausgegeben von der Stadt Seesen
1. Auflage, Seesen 2010
ISBN 978-3-00-031161-1

Preis: 16,80 €
zu bestellen bei der Stadt Seesen
www.seesen.de